Die Governance-Lücke: Der Umgang mit „Shadow AI“ im industriellen Engineering
- dsarikamis
- vor 5 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
In der heutigen Industrielandschaft ist die digitale Transformation kein optionales Zukunftsziel mehr, sondern eine Grundvoraussetzung für die operative Überlebensfähigkeit. Doch während Unternehmen ihre offiziellen IT-Roadmaps vorantreiben, etabliert sich im Stillen ein Phänomen, das traditionelle Governance-Strukturen umgeht und völlig neue Risiken schafft: Shadow AI.
Für ingenieurgetriebene Sektoren und Industrieunternehmen – wo Präzision, Sicherheit und proprietäres Wissen das Fundament der Wertschöpfung bilden – stellt der unsanktionierte Einsatz von Künstlicher Intelligenz ein Paradoxon dar. Es ist einerseits ein Beweis für die Innovationskraft der Mitarbeitenden, andererseits jedoch ein erhebliches Haftungs- und Sicherheitsrisiko.
Die Anatomie der „Schatten-KI“
Shadow AI bezeichnet den Einsatz von KI-Werkzeugen – primär Large Language Models (LLMs) und generative Design-Software – ohne explizite Genehmigung oder Aufsicht durch die IT-, Sicherheits- oder Compliance-Abteilungen.
In einem anspruchsvollen Engineering-Umfeld äussert sich dies häufig durch:
Algorithmische Optimierung: Ingenieure nutzen öffentliche KI-Schnittstellen, um proprietäre Automatisierungsskripte oder SPS-Code (Speicherprogrammierbare Steuerungen) zu optimieren.
Technische Synthese: Projektleiter laden vertrauliche Spezifikationen hoch, um komplexe Ausschreibungsunterlagen oder Machbarkeitsstudien zusammenzufassen.
Operative Datenanalyse: Analysten verwenden Drittanbieter-Tools im Web, um industrielle Telemetriedaten oder Logistikketten zu visualisieren.
Die Motivation dahinter ist selten bösartig. Im Gegenteil: Sie entspringt dem Wunsch leistungsstarker Teams, bürokratische Reibungsverluste zu minimieren. Doch ohne formalen Rahmen werden diese Effizienzgewinne oft durch systemische Schwachstellen erkauft.
Strategische Risiken für die industrielle Integrität
1. Erosion des geistigen Eigentums (IP)
Die unmittelbarste Gefahr im Engineering ist der Verlust von Geschäftsgeheimnissen. Die meisten öffentlichen KI-Modelle nutzen Eingabedaten, um ihre Algorithmen weiter zu trainieren. Wenn ein Ingenieur eine einzigartige statische Lösung, eine proprietäre chemische Formel oder ein neuartiges Fertigungsverfahren eingibt, fliessen diese Informationen essenziell in die Wissensbasis der Öffentlichkeit ein. Für Schweizer Unternehmen, deren Wettbewerbsvorteil auf jahrzehntelanger Forschung und Entwicklung (F&E) basiert, ist dies ein irreversibler Abfluss von Know-how.
2. Algorithmische Halluzinationen und Haftungsrisiken
Im industriellen Sektor sind Fehler nicht nur „Bugs“ in einer Software, sondern haben Auswirkungen auf die physische Welt. LLMs sind probabilistisch, nicht deterministisch. Sie sind darauf programmiert, das wahrscheinlichste nächste Wort vorherzusagen, nicht die strukturelle Integrität eines tragenden Bauteils zu berechnen. Wenn Shadow AI ohne ein strenges Human-in-the-Loop (HITL)-Protokoll zur Verifizierung technischer Berechnungen eingesetzt wird, entstehen massive Sicherheits- und Haftungsrisiken.
3. Compliance und regulatorische Anforderungen
Industriebetriebe sind oft an strikte Anforderungen zur Datenresidenz und branchenspezifische Zertifizierungen gebunden. Shadow-AI-Tools bieten selten die Audit-Trails oder Verschlüsselungsstandards, die diesen Benchmarks entsprechen. Die Nutzung unsanktionierter Tools kann unbeabsichtigt zu Vertragsverletzungen gegenüber globalen Mandanten führen.
Der Weg zu einem kontrollierten KI-Ökosystem
Ein totales Verbot von KI ist ineffektiv und führt meist zu noch kreativeren Wegen, Restriktionen zu umgehen. Stattdessen muss die Führungsebene von einer Abwehrhaltung zu einer strategischen Befähigung übergehen.
Bereitstellung sicherer Infrastruktur
Die Lösung liegt in Enterprise-Grade KI-Umgebungen. Durch den Einsatz privater „Sandbox“-Instanzen, bei denen die Daten innerhalb des digitalen Perimeters des Unternehmens bleiben, können die Vorteile von KI im Engineering genutzt werden, ohne dass sensible Daten nach aussen dringen.
Etablierung einer Engineering-spezifischen Governance
Die Richtlinien müssen mit der Praxis Schritt halten. Unternehmen benötigen klare Leitplanken für:
Data Tiering: Klassifizierung von Daten in „Öffentlich“, „Intern“ und „Vertraulich“ sowie die Festlegung, welche KI-Tools mit welcher Kategorie interagieren dürfen.
Verifizierungsprotokolle: Die verbindliche Vorgabe, dass jeder KI-generierte technische Output denselben strengen Peer-Review-Prozessen unterliegt wie menschliche Arbeit.
Transparenzkultur: Ein Umfeld, in dem Teams die Nutzung von KI-Tools offenlegen können, damit das Unternehmen die leistungsfähigsten Werkzeuge standardisieren und skalieren kann.
Sichern Sie Ihre Innovationsstrategie
Das Aufkommen von Shadow AI ist ein klares Signal: Ihr Team ist bereit für die Zukunft. Die Frage ist, ob Ihr Unternehmen über die Infrastruktur verfügt, um sie sicher dabei zu unterstützen.
Bei cross-ING spezialisieren wir uns darauf, die Brücke zwischen modernsten KI-Funktionen und den strengen Standards des industriellen Sektors zu schlagen. Lassen Sie nicht zu, dass Ihre geschützte Intelligenz zu öffentlichen Daten wird.
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